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Folgen des Rauchverbots
Angriff der Killerpilze
Um Raucher nicht zu verprellen, decken sich Gastronomen mit Heizstrahlern ein - Klimaschützer protestieren
Von Claudia Fromme, Quelle: sueddeutsche.de

ImageNie war der Süden näher. In Cafés hat der Latte Macchiato den guten alten Milchkaffee längst verdrängt, frische Erdbeeren gibt es auch bei Hagelschlag und nach Einbruch der Dunkelheit ist es schwer, überhaupt noch einen Flecken Trottoir zu finden, der nicht handwarm ist. Heizpilze allerorten.

Diese geben vor Kneipen und Restaurants eine Illusion von Sommer, vor allem jenen, die mancherorts seit kurzem bei Wind und Wetter vor die Tür geschickt werden: Raucher. Seit in Niedersachsen und Baden-Württemberg in Gaststätten nicht mehr geraucht werden darf, wird der Heizpilzwald dichter. Und wo das Rauchen noch erlaubt ist, bringen sich Wirte im verregneten Sommer mit Heizpilzen in Position, um am Tag X die Kundschaft schon mal für die eigene Terrasse erwärmt zu haben.

Strahlerhersteller melden bereits satte Umsatzsteigerungen. Umweltschützer sehen den Pilzbefall in der Straßengastronomie hingegen kritisch, weil Heizer ihrer Meinung nach vor allem eines sind: Klimakiller.

Die Strahler werden mit flüssigem Propangas betrieben bei dessen Verbrennung schädliches Kohlendioxid entsteht. Felicitas Kubala stören die "Umweltschleudern" ungemein. Die Berliner Abgeordnete der Grünen hat zu den Terrassenstrahlern, wie sie offiziell heißen, darum auch eine kleine Anfrage an den Berliner Senat gestellt. Es sei doch albern, sagt die umweltpolitische Sprecherin der Berliner Grünen, dass man um jedes Auto kämpfe, das nicht mehr fährt, gleichzeitig aber würden Heizpilze Unmengen von Kohlendioxid in die Luft blasen. Ein Heizstrahler produziert bei einer durchschnittlichen Betriebsdauer von 36 Stunden in der Woche bis zu vier Tonnen Kohlendioxid im Jahr. Das hat der Deutsche Verband Flüssiggas ausgerechnet. Dieser Wert entspricht ungefähr dem Jahresausstoß eines Autos.

Jeden Tag, sagt Felicitas Kubala, entdecke sie neue Heizpilze. Und wenn das Rauchverbot in Kneipen und Restaurants erstmal gelte in Berlin, vom 1. Januar 2008 an, würde alles noch viel schlimmer werden, glaubt sie. Kubala jedenfalls hofft auf ein Verbot der Heizpilze. Im Senat wurde nach ihrer Anfrage ein mögliches Verbot schon diskutiert, noch in diesem Jahr soll eine Entscheidung fallen. Derzeit werde geprüft, Maßnahmen zum Klimaschutz ins Berliner Straßengesetz aufzunehmen, das die Sondernutzung öffentlicher Flächen regele, heißt es bei der Senatsverwaltung. Ganz einfach werde das allerdings nicht.

Der Umweltsenat schätzt die Zahl der Strahler in Berlin auf 5000 Stück, nach der Autorechnung würde die Jahresemission also an die 20.000 Tonnen CO2 ausmachen. Den Verbrauchswert bestätigt auch Markus Tampfel von Schulz Heizpilze in Berlin. Dass aber in der Hauptstadt ständig an die 5000 Strahler stehen und feuern, hält der Unternehmer, der sich die Marke "Heizpilz" hat schützen lassen und die Geräte verkauft und vermietet, für übertrieben. Vielfach würden Heizpilze nur tageweise gemietet, gekaufte Geräte seien zudem nicht ständig in Betrieb, sondern in der Regel schon diese 36 Stunden pro Woche.

Ein Heizpilzverbot werde Umsatzeinbußen für Wirte bringen, orakelt Tampfel. Eine Meinung, die auch die IHK und der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband teilen. Tampfel spricht von einer "Klimahysterie", die er "typisch deutsch" finde. Während in Italien der Flirtfaktor der gemeinsamen Zigarette unterm Heizpilz gefeiert werde, machten die Deutschen schon im Vorfeld alles mies. Und im übrigen habe er auch an die Bundesgrünen schon mehrmals Heizpilze vermietet.

Während sich in Berlin die Gemüter erhitzen, ist die Skepsis in den Ländern, in denen das Rauchverbot schon wirksam ist gegenüber den Klimakillern verhalten. Nur kurz flammte das Thema Heizpilz im Stuttgarter Stadtrat auf. Immerhin, ein Blogger aus Hannover fordert im Internet eine Umweltpauschale von fünf Euro für Warmsitzer.

Profiteure der Politik sind die Heizpilzhersteller. Klaus Pielhau von Marktführer Enders Coleman im nordrheinwestfälischen Werdohl spricht bundesweit von Zuwächsen von 20 Prozent mit Schwerpunkt in den rauchfreien Bundesländern wie Baden-Württemberg oder Niedersachsen. Natürlich reagiere man als Hersteller auf die veränderte politische Situation, sagt Pielhau. Darum habe man für die Gastronomie einen Profiheizer mit Bistrotisch erfunden, für Ascher und Gläser. Der Markt reagiere positiv auf die Neuerfindung, auch in Bundesländern, in denen das Rauchen noch erlaubt ist. "Jeder Wirt will sich in Stellung bringen", sagt Pielhau. Zugleich gehe der Trend weg vom reinen Blech, gefragt seien zunehmend Heizer mit Rattan- oder Holzverkleidungen. An den Emissionswerten arbeite man.